Pest in den Mandschurei
Forum für Fotografie Köln
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Ich stehe vor den Vitrinen im FORUM FÜR FOTOGRAFIE KÖLN und sehe fünfzig Gelatinesilber-Kontaktabzüge, die vor über hundert Jahren von Glasnegativen belichtet wurden. Eines von nur drei erhaltenen Alben dieser Art weltweit – und ich habe es direkt vor mir.
Die Bilder erzählen vom Pestausbruch 1910/11 in der Mandschurei, der ersten Epidemie, die mit wissenschaftlichen Methoden untersucht und fotografisch festgehalten wurde. Rund 60.000 Menschen starben – bei einer Sterblichkeit von 100 Prozent unter den Infizierten.
Je länger ich schaue, desto klarer wird: Diese Katastrophe war nicht nur medizinisch. Die Fotografien zeigen Harbin, eine Stadt, die Russland als Eisenbahnknotenpunkt gründete – mitten in einem Gebiet, um das sich Russland, China und Japan stritten. Ich sehe die Gegensätze: komfortable russische Stadthäuser, in denen kaum jemand starb, neben Erdhöhlen und Massenquartieren, in denen chinesische Eisenbahnarbeiter unter katastrophalen hygienischen Bedingungen lebten.
Ein Bild fällt mir besonders auf: Männer mit Atemschutzmasken. Dahinter steht die Geschichte von Dr. Wu, der als einziger erkannte, dass es sich um eine durch die Luft übertragene Lungenpest handelte, nicht um Beulenpest, wie russische Ärzte behaupteten. Seine Masken, sein Beharren – sie haben schließlich die Ausbreitung gestoppt.
Ich verlasse die Ausstellung mit dem Gefühl, nicht nur eine medizinische Chronik gesehen zu haben, sondern ein Stück Geopolitik, festgehalten im Moment ihrer größten menschlichen Kosten.
